Juze

Eine kleine Zeitreise

Alles begann im Jahr 1976. Das biedere und konservative Eisingen wurde nahezu über Nacht mit dem Anliegen eines Jugendzentrums konfrontiert. Junge Leute mit langen Haaren und ausgewaschenen Jeans störten zwar schon länger das Ordnungsempfinden vieler Eisingerinnen und Eisinger, und die Forderung nach einem Jugendzentrum war schon öfter aufgekommen. Dass sich aber ein großer Teil der Jugendlichen mit Fantasie, Elan und Ausdauer dem Ziel Jugendzentrum verschrieb, und bereit war, sich dafür mit allen gemeindlichen Instanzen auseinander zu setzen, stieß auf große Verwunderung. Hinzu kam, dass die Jugendlichen über sehr viel Organisationsgeschick verfügten, und in der Lage waren, gleich von Anfang an, mit gelungenen Veranstaltungen auf sich aufmerksam zu machen.

Anfangs trafen sich rund 30 Jugendliche in einer ehemaligen Scheune. Dort wurde diskutiert und beratschlagt, schmiedete man Pläne und verteilte Aufgaben. Vor allem fügte sich hier ein Kreis von Menschen zusammen, der über lange Jahre Bestand haben sollte. Bereits nach wenigen Wochen organisierte die auf diese Weise entstandene Jugendzentrumsinitiative Eisingen (JZI) einen Flohmarkt und eine Rock-Disco. Das erhielt viel Resonanz, zumal inzwischen auch Bürgermeister und Gemeinderat auf die Jugendzentrumsinitiative aufmerksam geworden waren. Bald gab es eine erste Besprechung mit dem Gemeinderatsausschuss für Jugend, Sport und Soziales in der Gemeindehalle, wo mit dem Einbrechen der kalten Jahreszeit die wöchentlichen JZI-Treffen stattfanden. Die Besprechung verlief sehr kooperativ und anschließend entstand im Kreis der JZI die Einschätzung, dass der Einrichtung eines Jugendzentrums keine unüberwindlichen Hindernisse entgegenstehen würden. Doch diesem guten Gefühl folgten viele Enttäuschungen. Denn obwohl von gemeindlicher Seite immer wieder das Anliegen der JZI als gerechtfertigt bezeichnet wurde, blieben alle übrigen Ankündigungen unverbindlich. Zwei entscheidende Punkte waren es, um die vor allem gestritten wurde. Einmal ging es um die Frage der Verwaltung des Jugendzentrums. Weil dies eine populäre und aus den Nachbarjugendzentren vertraute Formulierung war, forderte die JZI eine Selbstverwaltung. Das wollte der Gemeinderat in seiner Mehrheit nicht wagen und stattdessen bot er an, einen Trägerverein zu gründen, unter dessen Obhut die Geschicke des noch zu schaffenden Jugendzentrums zu legen seien. Im Trägerverein sollten Vertreter des Gemeinderats, der JZI und von beiden Einrichtungen anteilig vorgeschlagene Einwohnerinnen und Einwohner Eisingens mitarbeiten. Zunächst konnte sich die JZI mit diesem Modell überhaupt nicht anfreunden, doch weil klar war, dass nur dieser Weg zu einem Jugendzentrum verhelfen würde, stimmte sie der Vorlage des Gemeinderats zu. Allerdings behielt man sich vor, in allen Fällen, die den inneren Betrieb des Jugendzentrums beträfen, eigenständig zu handeln und entscheiden. So geschah es letztendlich auch, und der Trägerverein trat nur in der ersten Zeit mit einigen wenigen Treffen in Erscheinung. Fast verzwickter war die Sache mit der geeigneten Räumlichkeit. Im Grunde wünschten sich alle ein gemeinsames Haus, wo in Räumen auf mehreren Ebenen verschiedene Veranstaltungen nebeneinander stattfinden konnten. So etwas war jedoch in Eisingen nicht zu haben. Zwei Jahre nach der Gründung der JZI – übrigens ganz bieder als regulär eingetragener Verein – trafen sich die Jugendlichen noch immer einmal wöchentlich in der Gemeindehalle. Treffen der Vorstände oder von Arbeitskreisen, fanden häufig zuhause statt und insgesamt verbrachten die Aktiven der JZI einen großen Teil ihrer freien Zeit miteinander. Regelmäßig gab es Musikveranstaltungen in der Gemeindehalle und für die gelungene Auswahl von Rock- oder Jazzbands hatte man ein gutes Händchen. Obwohl in der alten Gemeindehalle nur maximal 400 Personen Platz hatten, und daher die Einnahmen aus den Eintrittspreisen nie sehr hoch sein konnten, gelang es weit über die Region hinaus bekannte Bands und Musiker wie Rick Abao, Matter of Taste, Grobschnitt, Schwoißfuaß, Nill Samt Dill oder Tonic zu verpflichten. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums trat sogar der Komiker Hape Kerkeling in der Gemeindehalle auf. Eine weitere wichtige und jährlich wiederkehrende Veranstaltung war das Hallenfußballturnier der Enzkreisjugendzentren, das in der Sporthalle stattfand. Meist holte die gut trainierte Mannschaft des Gastgebers den Pokal, und immer gab es spannende Spiele und gute Stimmung an den beiden Turniertagen.

Im Sommer 1978 brachte Bürgermeister Kölle den ehemaligen Abstellraum in der Schule als möglichen Jugendzentrumsstandort ins Gespräch. Der war klein, dunkel, einteilig und entsprach in keiner Weise den Vorstellungen der JZI. Doch stellte er nach realistischer Einschätzung die aktuell einzige Möglichkeit dar, um in Eisingen ein Jugendzentrum unterzubringen. Unter dem Vorbehalt, dass dieser Raum nur als Provisorium anzusehen sei, begannen die Jugendlichen mit der Renovierung und Einrichtung dieses Raumes. Bis endgültig eingezogen werden konnte, dauerte es noch einmal ein rundes dreiviertel Jahr. So unbefriedigend die Ausstattung des neuen Jugendzentrums zunächst erschien, so günstig erwies sich in der Folgezeit der Standort in der Schule. In Absprache mit der Schulleitung war es immer möglich für Arbeitsgruppen, Vorträge, etc. auf weitere Räume der Schule zurückzugreifen. Außerdem stand an den Abenden der große und schön gelegene Schulhof zur Verfügung. Der bot viel Platz für informelle gesellige Runden, ebenso wie für Kinder- und Sommerfeste.

Mit dem Bezug des Jugendzentrums veränderte sich langsam die Zusammensetzung des aktiven Kreises. Manche Engagierte der ersten Stunde wandten sich neuen privaten oder beruflichen Herausforderungen zu, an ihrer Stelle fanden andere junge Leute den Weg ins Jugendzentrum. Weil solche Übergänge in all den Bestehensjahren des Jugendzentrums immer nur langsam und Stück für Stück verliefen, und zu keinem Zeitpunkt alle erfahrenen Aktiven auf einmal ihre Mitarbeit aufgaben, blieb eine hohe Kontinuität gesichert. Wer sich neu im Jugendzentrum engagierte, konnte auf den Erfahrungsschatz und die Kontakte der Älteren zurückgreifen. Und viele Ehemalige, die irgendwann nicht mehr in der ersten Reihe stehen wollten, besuchten dennoch die Mitgliederversammlung, waren ab und an bei den wöchentlichen Mitarbeiterreffs zugegen und standen insgesamt weiterhin mit Rat und Tat zur Seite. Aus diesem Grund musste sich das Jugendzentrum nicht alle paar Jahre neu erfinden, sondern das Neue fügte sich an das bereits Existierende. Wer z. B. mehr als dreißig Jahre nach der Gründungszeit beim Blick auf die vielen Veranstaltungen, die in Regie des Jugendzentrums stattfanden, versucht, diese bestimmten Jahren oder Jahrzehnten zuzuordnen, braucht ein gutes Erinnerungsvermögen oder zuverlässige schriftliche Unterlagen hierfür. Denn bei der hohen inhaltlichen und personellen Kontinuität, die das Eisinger Jugendzentrum auszeichnet, gibt kein Veranstaltungstyp oder -ablauf pauschal die Handschrift einzelner Aktiver wider.

Auf diese Weise blieb das Jugendzentrum mehr als dreißig Jahre lebendig und kreativ. Es wurde zum festen Bestandteil des sozialen und kulturellen Lebens in Eisingen und behielt dennoch die Widerständigkeit, die ein Jugendzentrum sich bewahren muss.

Verfasser: Andreas Klotz – Sophienallee 2 – 20257 Hamburg – klotz[at]natur-erforschen.de